Forschungsprojekt: Operative Psychologie

Von 1965 bis 1990 wurde an der Juristischen Hochschule in Potsdam im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit ein Fach gelehrt, das heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist: Die „Operative Psychologie“. Ein vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanziertes Forschungsprojekt widmet sich erstmals den wissenschaftshistorischen Wurzeln, der fachlichen Entwicklung und den psychischen Konsequenzen einer geheimdienstlichen Psychologie im Zeichen des Kalten Krieges.

Operative Psychologie – Psychologie im Auftrag der Staatssicherheit

Über 200 Diplomarbeiten und Dissertationen, viele tausend Seiten von „Studienheften“ und „Lernbüchern“ – bis heute sind die im Bundesministerium für die Stasi-Unterlagen archivierten Dokumente, die im Umfeld des Lehrstuhls für Operative Psychologie angefertigt wurden, nur oberflächlich untersucht. Die dort angestellten Psychologen (die zuvor im Auftrag des MfS an staatlichen Universitäten in der DDR studiert hatten) bearbeiteten mehrere Aufgabenfelder: Zum einen sollten Anforderungsprofile für die ideale „tschekistische“ Persönlichkeit erstellt werden, zum anderen war auch die Identifikation und Analyse von sogenannten „feindlich-negativen“ Personen (beispielsweise Dissidenten oder Ausreiseantragsteller) von großem Interesse. Noch bedeutsamer (und für die Betroffenen mit massiven Konsequenzen verbunden) für die praktische Arbeit des MfS waren jedoch zwei weitere Aufgabenfelder der Operativen Psychologie:

  • Zum einen die Maßnahmen der „Zersetzung“, worunter eine Reihe von Maßnahmen zusammengefasst werden, die dazu dienen sollten, oppositionell Aktive Personen in private oder berufliche Probleme zu verstricken, ohne dass diese in Kenntnis darüber gesetzt wurden, von wem die unerwarteten Irritationen ausgingen. Von Telefonterror über den Entzug des Führerscheins, der Inszenierung von Affären bis zur anonymen Verschickung von Verleumdungen umfassten die Zersetzungsmaßnahmen eine ganze Reihe von Techniken, die politische Gegner möglichst unsichtbar und lautlos mundtot machen sollten.
  • Zum zweiten beschäftigten sich die Mitarbeiter des Lehrstuhls intensiv mit der Problematik der „IM-Arbeit“, d.h. mit der Frage, wie Bürgerinnen und Bürger der DDR zur Zusammenarbeit als „Inoffizielle Mitarbeiter“ (kurz: IM) mit dem MfS zu gewinnen seien. Viele hundert Seiten wurden mit psychologischen Theorien und praktischen Erfahrungen aus der geheimdienstlichen Arbeiten zusammengestellt, um die künftigen Führungsoffiziere darauf vorzubereiten, IM auf die richtige Weise zu kontaktieren und eine langfristige Bindung mit diesen herzustellen, um an Informationen über deren Arbeitskollegen, Freunde, Bekannte und Familienmitglieder zu gelangen.

Konsequenzen der Operativen Psychologie – Biographiearbeit und der Diskurs nach der Wende

Auch über dreißig Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR sind die wissenschaftshistorischen Wurzeln dieses operativ-psychologischen Wissens noch weitgehend im Dunkeln und sollen in diesem Projekt erstmals systematisch untersucht werden. Neben der „Täterseite“ bringt dieses Projekt aber auch die Perspektive derjenigen Menschen zur Sprache, die zur Zielscheibe der „operativen Maßnahmen“ wurden: diejenigen, die von Techniken der „Zersetzung“ und Anwerbungsversuchen durch das MfS betroffen waren. Mit der Unterstützung von mehreren Verbänden und Beratungsstellen für politisch Traumatisierte in der DDR (siehe „Projektpartner“) werden im Rahmen des Projektes biographische Gruppen- und Einzelinterviews durchgeführt, um Prozesse der Verfolgung, Unterdrückung und Entmächtigung, aber auch des Entzugs, des Widerstands und der Solidarisierung gegen die Übermächtigung durch staatliche Organe aus Sicht der Betroffenen zur Sprache zu bringen. Die ehemals Verfolgten sollen im Rahmen des Projekts ermutigt werden, trotz der erlittenen Ohnmacht und Hilflosigkeit, im Rahmen der Erinnerungsarbeit ihre Rolle als (Ko-)Akteure ihrer eigenen Biographie zu reflektieren. Im wiedervereinten Deutschland werden bis heute höchst kontroverse Diskurse über Fragen der Deutungsmacht über die Biographien von Menschen, die in der DDR sozialisiert wurden, geführt.

Die Integration von wissenschaftshistorischer und biographischer Forschung verspricht, das bis dato sehr lückenhafte Bild der Operativen Psychologie nicht nur zu vervollständigen, sondern auch mit der lebendigen und widersprüchlichen Erfahrungen ehemals politisch Verfolgter in Perspektive zu setzen.

Für nähere Fragen zum Projekt kontaktieren Sie martin.wieser[at]sfu-berlin.de

Publikationen zum Projekt:

  • Wieser, M. (2020, im Druck). Talk to each other – but how?” Operative Psychology and IM-Work as “micro-totalitarian practice”. In L. Schlicht, C. Seeman & C. Kassung (eds.), Mind Reading as Cultural Practice. London: Palgrave.
  • Wieser, M. (2020, im Druck). Über das ‚Messer des Chirurgen‘ und ‚unangefochtene Inseln der Auslesearbeit‘: Skizze einer Genealogie der psychologischen Moral. In V. Balz & L. Malich (eds.), Psychologie und Kritik. Formen der Psychologisierung nach 1945. Wiesbaden: Springer.
  • Michels, M. & Wieser, M. (2018). From Hohenschönhausen to Guantanamo Bay: Psychology’s role in the secret services of the GDR and the United States. Journal of the History of the Behavioral Sciences, 54(1), 43-61. [Link]

Gefördert durch:

Projektnummer: P 33103