Forschungsprojekt: Feeling the past

Feeling The Past – Zugehörigkeitserleben, Geschichte und Gegenwart in der deutschen Nach-Nachwendegeneration

Gegenwärtige soziale Spaltungsprozesse und Radikalisierungstendenzen in Deutschland zeigen – bei aller Unterschiedlichkeit – eine wiederkehrende Thematik: sie stellen Zugehörigkeitsgefühle und -bedürfnisse in den Mittelpunkt, die durch Konfliktdynamiken vielfältigster Art geprägt sind.

Ungeklärt ist, inwiefern diese konfliktbezogenen Aushandlungen von Zugehörigkeiten mit einer ungenügenden bzw. noch stattfindenden Aufarbeitung der deutschen Nachkriegszeit, der ehemaligen DDR und ihren inneren Widersprüchen und Transformationsprozessen ab 1989 zusammenhängen. Um diese Zusammenhänge besser zu verstehen, rückt dieses Forschungsprojekt die psychologische als auch sozialpolitische Gewordenheit von Zugehörigkeitserleben und -bedürfnissen aus der Perspektive junger Menschen und ihren Familien in den Mittelpunkt.

Daraus ergeben sich folgende Forschungsfragen: Welche Zugehörigkeitserfahrungen machen Angehörige der Nach-Nachwendegeneration und wie hängen diese mit den Lebenserfahrungen der Eltern- und Großeltern-Generation zusammen? Welche emotionale Beschaffenheit haben Zugehörigkeitserfahrungen und wie sind diese verknüpft mit historischen und gegenwärtigen Achtungs- und Missachtungsverhältnissen? Welche Transformations- und Gestaltungsperspektiven ergeben sich für die Nach-Nachwendekinder aus der Auseinandersetzung mit der eigenen (persönlichen und gesellschaftlichen) Geschichte?

Bezugstheorien des Forschungsvorhabens sind, erstens, Dealing with the past–Ansätze; zweitens, Perspektiven der sozialpsychologischen Friedens- und Konfliktforschung, die subjektives Erleben in der Verknüpfung mit gesellschaftspolitischen Prozessen untersuchen. Drittens, wird auf ein psychosoziales Zugehörigkeitskonzept zurückgegriffen, das sowohl die emotionale Dimension von Zugehörigkeitserleben, als auch die ideologische und politische Dimension von Zugehörigkeitsgrenzen mitdenkt. Viertens, wird jenes psychosoziale Zugehörigkeitskonzept biographie-theoretisch erweitert, um damit Zugehörigkeitskonstruktionen und -erleben in ihrem lebensgeschichtlichen Verlauf und in der historischen Gewordenheit interpretieren zu können.

Zwei Gruppen von Berufsschüler*innen aus zwei unterschiedlichen Berufsschulen in Berlin/Brandenburg bilden das Sample. Das Forschungsdesign besteht aus zwei Strängen: erstens aus einem offenen qualitativen Zugang, der es ermöglicht die Komplexität der Entwicklung und Aushandlung von biografisch determinierten sozialen Zugehörigkeiten und den damit verknüpften Gefühlslagen Rechnung zu tragen (Gruppendiskussionen und biographische Interviews); und zweitens aus Ansätzen, die die aktive Beteiligung, Mitgestaltung und Kritik der jungen Erwachsenen am Forschungsprozess vorsieht, sprich einen partizipativen und transformativen Ansatz (Workshop-Format).

 

Projektnummer: FP 09/20-SP 04/05-2020